Korrigiertes Dichterbild

Konzertlesung in den Ansbacher Kammerspielen

Nachdenklicher Blick auf Ringelnatz' lyrischen Kosmos


ANSBACH - Den "anderen Ringelnatz" haben der Journalist Wolfgang Suk und der Gitarrist Ulrich Rasche in den Mittelpunkt ihres aktuellen "Stundenblätter"-Programms "Muschelkalk" gestellt; In den Ansbacher Kammerspielen setzte der einstündige Streifzug durch den lyrischen Kosmos des Joachim Ringelnatz alias Hans Bötticher (1883-1934) einen nachdenklichen Akzent zum Jahresanfang. .
Nicht um den humorigen Autor der "Kuttel Daddeldu"-Gedichte ist es Suk und Rasche zu tun, nicht um jene vordergründig zur Schau getragene Matrosen-Hemdsärmeligkeit, mit der Ringelnatz gerne (und zu Unrecht) identifiziert wird. Eher spricht aus den Gedichten, die Wolfgang Suk mit subtiler Zurückhaltung und der glasklaren Artikulation des versierten Rundfunksprechers über die Rampe bringt, ein Resignierter, Trauriger, von der Welt Enttäuschter. Einer, der Schmerz und Elend dieser Welt genau beobachtend in lakonische, hintergründige Verse goss.
Ulrich Rasche ergänzt, umrahmt, kommentiert und illuminiert diese nachhaltig beeindruckende, bisweilen sogar verstörende Lyrik mit hochkonzentriert interpretierten Kompositionen von Brouwer bis Ponce, von Villa-Lobos bis Rodrigo, fügt all jene Facetten dazu, vor denen sogar Ringelnatz' an sich machtvolle Sprache kapitulieren muss, weil das Ungeheuerliche, grundsätzlich Menschliche oft nicht aussprechbar ist,
Die "Fresia " etwa ist ein Sinnbild für überschäumende, Grenzen sprengende Erotik, wird von Suk mit entsprechender Vehemenz in furiosem Wortstakkato vorgetragen. Rasche bremst bewusst, setzt gegen so viel Emotion ein friedliches, introvertiertes Schreitthema aus absteigenden Akkorden (eine Etüde von Heitor Villa. Lobos), liefert gleichsam die differenzierte Innensicht zu dem in der "Fresia" entworfenen Charakterbild.
Vieles wird bei Ringelnatz nur angedeutet und geht dem Zuhörer gerade deshalb besonders nah, denn es erhöht den Grad der Identifikation. In dunklen Kanälen hört der einsame Spaziergänger ein Kind schreien, doch erschaut weg, will es nicht wahr haben, verdrängt und ignoriert - die stille Anklage trifft jeden, macht betroffen und stumm. So gelingt es Wolfgang Suk und Ulrich Rasche in wenig mehr, als sechzig Minuten, das falsche Bild, welches man sich über die Jahre von Person und Werk des Joachim Ringelnatz machte, nachhaltig zu korrigieren. Ein vollauf gelungenes Experiment, das neugierig auf weitere "Stundenblätter"-Projekte dieses Duos macht.

Hans von Draminski - Fränkische Landeszeitung

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